In den nächsten Tagen werde ich mal meine Notizen, die ich auf dem Weg gemacht habe (bzw. die Teile davon, die nicht privat sind), ein bisschen ausformulieren und online stellen. Hier die ersten beiden Tage:
30-06-2009: Es ist 6:30 Uhr morgens und ich sitze im Flugzeug von Düsseldorf nach Biarritz. Frei nach dem Motto HaPe Kerkelings „Ich bin dann mal weg!”, mache ich mich auf den Weg nach Frankreich um den Jakobsweg zu gehen, denn sein Buch war es, das mich mehr oder weniger auf den Gedanken gebracht hat. Vorher habe ich noch nie etwas von diesem Weg gehört. Was genau ich an dem Weg, wie er ihn beschrieben hat, so faszinierend fand, kann ich nicht mal sagen. Ich wusste nur vor ein paar Jahren, nach dem ich HaPes Buch gelesen hatte, dass ich das auch mal machen will. Und jetzt nach der Schule und vor dem Studium habe ich quasi Zeit ohne Ende. Und wann so etwas machen, wenn nicht jetzt. Soviel Freiheit und Freizeit habe ich wohl in absehbarer Zeit nicht mehr. Gesagt getan, Anfang April habe ich meinen Flug gebucht (gut, dass ich das so früh gemacht habe, sonst hätte ich es mir wahrscheinlich noch anders überlegt). Meinen Rucksack und die Wanderschuhe habe ich ein paar Wochen später, nachdem der „Abistress” vorbei war, gekauft. Sauteuer das ganze Krams, aber wohl notwendig. Beides stand dann mehr als einen Monat in meinem Schlafzimmer herum, die Schuhe habe ich zwischendurch mal ausprobiert, den Rucksack habe ich schon ziemlich früh gepackt und tausendmal wieder umgepackt. Vorgenommen habe ich mir zwar, ein etwas längeres Stück mit den Wanderschuhen zu gehen, dabei ist es aber auch geblieben.
Jetzt sitze ich hier im Flugzeug und wo das Ganze langsam näher kommt, kommen schon hier und da Zweifel, ob ich das wohl schaffe. Ohne wirkliche Wandererfahrungen. Was da alles passieren kann! Wahrscheinlich kriege ich irgendwelche Knieprobleme wie Hape oder so viele Blasen an den Füßen, dass ich gar nicht mehr gehen kann…
Dann endlich in Biarritz angekommen (manche fahren 30 Stunden mit dem Bus hier hin!), habe ich auch sofort zwei weitere Pilger getroffen, die ich erstmal auf Spanisch und dann auf Englisch angesprochen habe, bis wir dann gemerkt haben, dass wir alle aus Deutschland bzw. aus Österreich kommen. Zusammen ging es dann weiter zum Bahnhof und von dort zum berühmten Ort St.-Jean-Pied-de-Port. Plötzlich war alles voller Pilger. Ganze Ströme gingen in Richtung Zentrum, wo die Pilgerherbergen sind. Wir haben gleich den ersten großen Fehler gemacht: aus Angst, keinen Platz mehr zu bekommen, sind wir in die erstbeste Herberge rein, die im Nachhinein betrachtet, die schlimmste auf dem ganzen Weg war. Im ganzen Haus liefen Hunde und Katzen rum (weshalb ich mich auch in eines der oberen Betten verkrochen habe), Schuhe (auch Badelatschen) waren im gesamten Haus und folglich auch im weniger sauberen Badezimmer verboten. Zu allem Überfluss war es knalleheiß, sodass ich in der Nacht nicht wirklich gut geschlafen habe.
01-07-2009: Heute morgen wurde ich um 5 Uhr schon durch den lauter werdenden Geräuschpegel im Schlafzimmer geweckt. Da die Herberge erst um 6 Uhr öffnete, konnte man sich Zeit lassen. Dann aber nichts wie raus! Die Zähne haben wir uns am Brunnen geputzt und los. Schon nach ein paar hundert Metern steil bergauf war ich froh, mir am Tag zuvor noch einen Wanderstock gekauft zu haben.
Schon nach den ersten Kilometern dachte ich, das schaffe ich nie! Der Weg wurde immer steiler, ich immer langsamer und mich überholten gefühlte 100 Leute. Im ersten und zugleich letzten Ort auf dieser Etappe habe ich dann erstmal Pause gemacht, eine kühle Cola getrunken (schmeckt nirgends so gut, wie auf dem Camino) und Druckstellen an den Fersen (vom bergauf gehen) abgeklebt. Hier habe ich auch Claudi und Susi getroffen. Die beiden anderen waren mir zu schnell, die sehe ich wenn überhaupt erst in Roncesvalles wieder.
Die nächsten Kilometer gingen dann, nachdem ich so langsam das passende Gehtempo gefunden und mich an den Rucksack gewöhnt hatte, recht gut. Vielleicht auch, weil der ganze Weg voller Pilger war und man dauernd von irgendjemandem angequatscht wurde. Paul Watzlawicks These – wenn auch anders gemeint – trifft auch hier zu: „Man kann nicht nicht kommunizieren.”. Zumindest ist es schwer.
Ich kann jetzt schon keine Berge mehr sehen. Kaum ist man auf der ersten Bergkuppe angekommen, da sieht man schon den nächsten Berg. Aber irgendwann habe ich es dann auch geschafft und es ging bergab. Die Freude darüber hielt jedoch nur kurz an, denn das war noch viel schlimmer. Nachdem mir bis hierhin nur meine Füße und mein Rücken (vom Rucksack) weh taten, tat es nun überall weh. Man lernt auf so einer Reise seinen Körper komplett neu kennen. Die letzten Kilometer nach Roncesvalles kamen mir dann wie eine Ewigkeit vor. So war ich dann auch total ausgepowert, als ich um kurz vor vier nachmittags dort ankam. Vor dem Pilgerbüro hatte sich schon eine lange Schlange gebildet und überall am Rand saßen Pilger, die aussahen, als wären sie zwei Tage durchgewandert. Überall wurde mit Pflastern und Verbänden rumgedoktert. Es gibt scheinbar welche, denen es noch viel schlimmer ergangen ist. Vieles kann man sich aber auch einreden. Als ich dann endlich mein Bett zugeteilt bekommen hatte (Etagenbett ohne Leiter), habe ich mich raufgequält und musste erstmal ausruhen. 26,9 Kilometer an einem Tag zu Fuß. Und solche Strapazen jeden Tag?
Beim Pilgermenü habe ich dann Claudi und Susi und auch die beiden Bekanntschaften aus Biarritz wiedergetroffen. Letztere wollen morgen die 40 Kilometer bis Pamplona gehen. Die sehe ich wohl nicht mehr wieder. Nach dem Abendessen habe ich mich noch zur Pilgermesse geschleppt und bin dann todmüde und mit Muskelkater an allen möglichen und unmöglichen Stellen ins Bett gefallen.









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